Computertomografie
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Arthroseforscher messen filigrane Veränderungen im Knie
<p>Bei der Knie-Arthrose wird nicht nur der Knorpel, sondern auch das darunterliegende Knochengewebe in Mitleidenschaft gezogen, was aber nur schwer zu erkennen ist. Am besten gelingt dies mit so genannten Mikro-CTs, die allerdings nicht f&uuml;r den Einsatz an Patienten geeignet sind. Arthroseforschern der Saar-Uni ist es nun gelungen, Knochensch&auml;den mit &uuml;blichen klinischen Computertomografen zu erkennen. Damit er&ouml;ffnen sich neue Ans&auml;tze in der Arthroseforschung. Die Studie wurde in der hochkar&auml;tigen Zeitschrift &bdquo;Advanced Science&ldquo; ver&ouml;ffentlicht.</p> <p>&nbsp;</p>
© Rüdiger Koop
<p>In der Medizin ist es wie bei der Fotografie: Der technische Fortschritt macht vieles m&ouml;glich, was vor wenigen Jahren noch undenkbar erschien. Erreichten bezahlbare digitale Fotokameras vor 20 Jahren gerade einmal eine Aufl&ouml;sung drei bis sechs Megapixel, schaffen heutige Modelle problemlos &uuml;ber 40 Megapixel Aufl&ouml;sung, mit denen viel detailliertere Fotos aufgenommen werden k&ouml;nnen als noch vor wenigen Jahren. &Auml;hnlich geht es auch in bildgebenden Verfahren in der Medizin. Hier erreichen in Kliniken verbreitete Computertomografen eine Aufl&ouml;sung von 90 bis 250 Mikrometer; hochspezialisierte Mikro-CT-Ger&auml;te f&uuml;r die Forschung k&ouml;nnen bereits Strukturen von einem bis 100 Mikrometer Gr&ouml;&szlig;e aufl&ouml;sen. Damit gelingt es auch, feinste Knochenstrukturen abzubilden, die infolge einer Arthrose im Knie gesch&auml;digt werden k&ouml;nnen. Diese sind aber nur f&uuml;r den Forschungseinsatz geeignet. Einfacher w&auml;re es, weit verbreitete klinische CTs f&uuml;r die Diagnostik von Knochenver&auml;nderungen infolge einer Arthrose zu verwenden.<br /> &nbsp;<br /> &bdquo;Die Untersuchung der Knochenver&auml;nderung bei Arthrosepatienten durch R&ouml;ntgenbilder war in den 1970er und 1980er Jahren eine Zeitlang modern in der Forschung. Damals waren die technischen M&ouml;glichkeiten aber nicht so gut wie heute. Damit geriet die Untersuchung des Knochens etwas in Vergessenheit. Jetzt gibt es bessere Methoden&ldquo;, sagt Henning Madry, Professor f&uuml;r Experimentelle Orthop&auml;die und Arthroseforschung an der Universit&auml;t des Saarlandes und Direktor des Zentrums f&uuml;r Experimentelle Orthop&auml;die am Universit&auml;tsklinikum des Saarlandes. Seine Arbeitsgruppe ist eine der weltweit f&uuml;hrenden Arthrose-Forschungsgruppen im Hinblick auf die Ver&auml;nderung der Knochenstruktur. Noch &uuml;berwiege aber der reine Blick auf den Knorpel.<br /> &nbsp;<br /> Henning Madry m&ouml;chte dies &auml;ndern und die Knochenver&auml;nderungen st&auml;rker ins Blickfeld r&uuml;cken. Daher hat er gemeinsam mit seinen Kollegen, zu denen auch Arthrosespezialisten geh&ouml;ren, die im &bdquo;Knorpelnetz der Gro&szlig;region&ldquo; aktiv sind, untersucht, ob feinste Ver&auml;nderungen in der Knochenstruktur nicht auch mit herk&ouml;mmlichen Methoden der Computertomografie zu entdecken sind. &bdquo;Bisheriger Goldstandard ist die Untersuchung mit einem Mikro-CT&ldquo;, erkl&auml;rt Henning Madry. F&uuml;r Kliniken ist das jedoch keine Option, da diese Ger&auml;te einerseits zu klein sind, um einen Patienten zu untersuchen. Au&szlig;erdem ist ihre Strahlenbelastung zu hoch. &bdquo;Wir haben uns also gefragt, ob wir nicht auch mit normalen, klinischen CTs die Knochenver&auml;nderungen sehen k&ouml;nnen und den Schweregrad der Arthrose bestimmen k&ouml;nnen&ldquo;, so Henning Madry.<br /> &nbsp;<br /> Also haben er und seine Mitarbeiter die explantierten Kniegelenke von 9 Patientinnen und Patienten, die eine Prothese erhalten haben, mit klinischen CTs und mit Mikro-CTs untersucht und geschaut, ob sie die Ver&auml;nderungen, die sie mit dem hochaufl&ouml;senden Mikro-CT sehen k&ouml;nnen, auch mit dem klinischen CT erkennen k&ouml;nnen. &bdquo;Und tats&auml;chlich: Wir sehen auf den Bildern aus dem klinischen CT bereits Ver&auml;nderungen in der Trabekelstruktur des Knochens&ldquo;, fasst der Orthop&auml;de das zentrale Ergebnis zusammen. Diese Trabekel, ein feines, bogenf&ouml;rmiges Gewebe aus feinsten B&auml;lkchen im Inneren des Knochens, verteilt die Lasten, die auf den Knochen wirken, wie die Strebeb&ouml;gen, die die Dachlast einer gotischen Kathedrale auffangen. &bdquo;Diese Knochenb&auml;lkchen werden mit zunehmendem Schweregrad mehr, zudem werden sie dicker, wenn das &sbquo;Dach&lsquo; aus Knorpel verschwindet&ldquo;, dr&uuml;ckt es Henning Madry mit einem Bild aus.<br /> &nbsp;<br /> Indem sie gezeigt haben, dass sie mit &bdquo;handels&uuml;blichen&ldquo; CTs aus dem Klinikalltag diagnostisch an die Ergebnisse von hochaufl&ouml;senden Mikro-CTs heranreichen k&ouml;nnen, haben sie die H&uuml;rden f&uuml;r einen tats&auml;chlich therapeutischen Nutzen deutlich tiefer gelegt. Zwar ist es nach wie vor unwahrscheinlich, dass nun praktizierende Orthop&auml;den auf der ganzen Welt im gro&szlig;en Stil CT-Untersuchungen von arthrotischen Kniegelenken durchf&uuml;hren, um Knochenver&auml;nderungen zu untersuchen. Das ist einerseits klinisch zumeist nicht angezeigt, andererseits erfordert es ein extrem hohes Ma&szlig; an Erfahrung und Spezialisierung, wie sie nur in wenigen Zentren wie beispielsweise bei Henning Madrys Arbeitsgruppe vorhanden ist. &bdquo;F&uuml;r eine solche Routinediagnostik ist es noch zu fr&uuml;h. Aber die Methode ist nat&uuml;rlich sehr interessant f&uuml;r die klinische Erforschung und Testung neuer Arthrosemedikamente oder in wissenschaftlichen Einrichtungen&ldquo;, erkl&auml;rt Henning Madry. Diese k&ouml;nnten in Zukunft die Erkenntnisse aus der nun ver&ouml;ffentlichten Studie heranziehen, um mit weniger Aufwand durch den Einsatz von klinischen CTs ebenso gut verwertbare Erkenntnisse &uuml;ber die Knochenver&auml;nderungen zu gewinnen, und das nicht nur bei explantierten Kniegelenken, sondern bereits bei Patienten direkt.<br /> &nbsp;<br /> Durch diesen &bdquo;ganzheitlicheren&ldquo; Blick auf die individuelle Arthroseerkrankung eines einzelnen Patienten, der sowohl den Knorpelschaden als auch die Knochenver&auml;nderungen mit ber&uuml;cksichtigt, ergeben sich neue Einblicke in den Krankheitsverlauf und vielversprechende Therapieans&auml;tze, die heute noch nicht machbar sind.<br /> &nbsp;<br /> <strong><u>Originalpublikation:</u></strong><br /> Tam&aacute;s Ol&aacute;h, Xiaoyu Cai, Liang Gao, Fr&eacute;d&eacute;ric Walter, Dietrich Pape, Magali Cucchiarini, and Henning Madry: Quantifying the Human Subchondral Trabecular Bone Microstructure in Osteoarthritis with Clinical CT, <strong>Adv. Sci.2022</strong>, 2201692, DOI: 10.1002/advs.202201692 (Impact-Faktor: 16,806).<br /> <a href="https://doi.org/10.1002/advs.202201692" style="color: rgb(14, 57, 114); font-weight: normal; text-decoration: underline;" target="_blank">https://doi.org/10.1002/advs.202201692</a></p>
Text:Thorsten Mohr
Thorsten Mohr
17.06.2022
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