Psychologie
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Stress im Job verändert die Stimme
<p><strong>Zeitdruck, eine Abfuhr vom Chef, st&auml;ndige Ablenkung: Im Berufsleben gibt es viele Faktoren, die Stress ausl&ouml;sen. Stress objektiv nachzuweisen, ist allerdings gar nicht so einfach. Psychologinnen und Psychologen der Universit&auml;t des Saarlandes konnten nun Einfl&uuml;sse von Alltags-Stress in der Stimme messen. Damit haben sie m&ouml;glicherweise einen Weg gefunden, Stress besser aufzusp&uuml;ren, um ihn besser bew&auml;ltigen zu k&ouml;nnen. Die Studie wurde im Fachmagazin &bdquo;Psychological Science&ldquo; ver&ouml;ffentlicht.</strong></p>
© Thorsten Mohr
<p>Die Uhr tickt gnadenlos, seit Wochen bereitet der Mitarbeiter den Projektbericht vor, den er morgen der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrung pr&auml;sentieren soll. Seine Abteilungsleiterin macht Druck, weil sie den Bericht vorher nochmal lesen m&ouml;chte, und unentwegt klingelt das Telefon, weil weitere Kunden Details zum Stand ihrer eigenen Projekte haben m&ouml;chten. Klingt nach Stress, ist es f&uuml;r die meisten auch. Denn nur wenige Zeitgenossen d&uuml;rften in solchen Situationen gelassen bleiben. Doch auch in normalen Arbeitssituationen kann Stress entstehen, den man oft nicht so leicht entdeckt. Manche sind belastbarer als andere, die bereits w&auml;hrend der normalen Arbeitsroutine schnell Stress empfinden. Dennoch ist der Stress da, und er sorgt im schlimmsten Fall f&uuml;r psychische und k&ouml;rperliche Probleme. Das ist schlecht f&uuml;r die Betroffenen selbst, aber auch f&uuml;r die Arbeitgeber, denn sie bezahlen viel Geld f&uuml;r Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht die volle Leistung bringen k&ouml;nnen.<br /> &nbsp;<br /> Doch Stress tats&auml;chlich objektiv zu messen, sagen zu k&ouml;nnen: &bdquo;Diese Person hat Stress, die in der Nachbarabteilung jedoch nicht&ldquo;, das war bisher gar nicht so leicht. Bisher war das zum Beispiel m&ouml;glich, indem man den Cortisolspiegel durch einen Abstrich im Mund misst. In der Forschung gab es au&szlig;erdem Experimente mit Freiwilligen, deren Hand zeitweise in eisgek&uuml;hltes Wasser getaucht wurde, um Stress &uuml;ber k&ouml;rperlichen Schmerz zu simulieren. Im Anschluss konnte man ein gewisses Stressniveau in der Stimme feststellen. &bdquo;Es gab auch Auswertungen der Stimmen von Piloten, kurz vor einem Flugzeugabsturz. Deren Stimmen haben Stressanzeichen gezeigt, was vielleicht nicht weiter &uuml;berraschend ist&ldquo;, erkl&auml;rt Dr. Markus Langer vom Lehrstuhl f&uuml;r Arbeits- und Organisationspsychologie der Universit&auml;t des Saarlandes. Insbesondere dieses letzte, extreme Beispiel zeigt: Die bisherigen Untersuchungen waren alles, aber nicht allt&auml;glich.<br /> &nbsp;<br /> Markus Langer und ein Team aus weiteren Psychologinnen und Psychologen des Lehrstuhls von Professor Cornelius K&ouml;nig konnten diese Wissensl&uuml;cke nun f&uuml;llen: Sie haben mit der Hilfe von 111 berufst&auml;tigen Probanden eindeutige Zusammenh&auml;nge zwischen tats&auml;chlichem Alltagsstress auf der Arbeit und Ver&auml;nderungen in der Stimme messen k&ouml;nnen. &bdquo;Wir konnten anhand von Sprachnachrichten, die die Teilnehmer uns eine Woche lang jeden Abend nach ihrer Arbeit geschickt haben, leichte Stimmver&auml;nderungen nachweisen, wenn sie einen stressigen Tag hatten. Dabei haben wir auch nach Stressoren, also beispielsweise zu vielen Terminen, Konflikte, Zeitdruck, gefragt.&ldquo;<br /> &nbsp;<br /> Gaben die Studienteilnehmer an, an einem Tag tats&auml;chlich von einem Termin in den anderen gehetzt zu sein oder vom Chef einen R&uuml;ffel bekommen zu haben, konnten die Wissenschaftler um Markus Langer signifikante Ver&auml;nderungen in der Stimme messen: &bdquo;Zum einen stieg die Intensit&auml;t der Stimme, das hei&szlig;t, die Menschen haben etwas lauter gesprochen. Dar&uuml;ber hinaus war die Stimme h&ouml;her, und sie haben schneller gesprochen als &uuml;blich&ldquo;, erkl&auml;rt der Psychologe.<br /> &nbsp;<br /> Um das festzustellen, haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die physikalisch messbaren Stimmdaten &ndash; also H&ouml;he, Geschwindigkeit, Lautst&auml;rke &ndash; jedes einzelnen Sprechers &uuml;ber die Woche gemittelt und dann Abweichungen zu diesem Mittelwert pro Tag gemessen. &bdquo;Die kleinen Ver&auml;nderungen, die wir so messen konnten, sind oft f&uuml;r menschliche Ohren gar nicht auff&auml;llig, aber im Computer sind die Unterschiede signifikant messbar&ldquo;, fasst Markus Langer zusammen. So spricht jemand beispielsweise im Mittel mit 60 Dezibel Lautst&auml;rke bzw. Schalldruck. Wenn die Person gestresst ist, hingegen mit 61 Dezibel. Dieser Unterschied f&auml;llt Menschen eher nicht auf, sehr wohl kann aber eine Software diesen erkennen.<br /> &nbsp;<br /> Die Antwort auf Frage &bdquo;F&uuml;hlen Sie sich gestresst?&ldquo;, welche ebenfalls gestellt wurde, zeigte &uuml;brigens keinen Zusammenhang mit dem in der Stimme nachgewiesenen Stresslevel. Das zeigt, dass die eigene Wahrnehmung sich oft nicht hundert Prozent mit dem tats&auml;chlichen Zustand deckt. &bdquo;Das ist eine wichtige Erkenntnis, denn: Fragt man die Leute, ob sie gestresst sind, sagen viele &sbquo;Ach, nein, das geht schon&lsquo;, obwohl es schon l&auml;ngst an der Zeit w&auml;re, etwas an der Arbeitsorganisation zu &auml;ndern. Oft ist das Belastungslevel dann schon so hoch, dass die Personen nicht mehr wirklich mit dem t&auml;glichen Stress umgehen k&ouml;nnen &ndash; bis hin zu F&auml;llen, die dann schon fast im klinischen Bereich anzusiedeln sind&ldquo;, erl&auml;utert Markus Langer die drohenden gesundheitlichen Folgen von Stress, der nicht richtig wahrgenommen wird.<br /> &nbsp;<br /> K&uuml;nftig k&ouml;nnte dieser Ansatz, Stress &uuml;ber die Stimme objektiv messen zu k&ouml;nnen, ein Weg sein, um f&uuml;r weniger Stress im Arbeitsumfeld und damit ges&uuml;ndere Arbeit zu sorgen. Mikrofone und Aufzeichnungsm&ouml;glichkeiten sind inzwischen ja &uuml;berall, sei es im Handy, im Headset, am B&uuml;rotelefon, in &bdquo;smarten&ldquo; Lautsprechern zuhause und so weiter. Datenschutzprobleme, ethische Fragestellungen und Missbrauchsm&ouml;glichkeiten m&uuml;ssten hier nat&uuml;rlich an erster Stelle ausger&auml;umt werden, &bdquo;schlie&szlig;lich liefert die Stimme als Biomarker sehr sensible Daten&ldquo;, wei&szlig; auch Markus Langer. Falls sich jedoch eine Methode findet, diese Risiken auszuschlie&szlig;en, g&auml;be es neue M&ouml;glichkeiten, Stress zu erforschen und letzten Endes auch zu vermeiden.<br /> &nbsp;<br /> <strong><u>Originalpublikation:</u></strong><br /> Langer M, K&ouml;nig CJ, Siegel R, et al. Vocal-Stress Diary: A Longitudinal Investigation of the Association of Everyday Work Stressors and Human Voice Features. <strong>Psychological Science.</strong> <strong>May 2022</strong>. doi:10.1177/09567976211068110<br /> <a href="https://doi.org/10.1177%2F09567976211068110" style="color: rgb(14, 57, 114); font-weight: normal; text-decoration: underline;" target="_blank">https://doi.org/10.1177/09567976211068110</a><br /> &nbsp;</p>
29.06.2022
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