Europa-Gastprofessur
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Quo Vadis Ukraine?
<p>Der renommierte Rechtswissenschaftler Roman Petrov aus Kiew lehrt im Sommersemester als Europa-Gastprofessor an der Saar-Universit&auml;t. Das Cluster f&uuml;r Europaforschung hatte ihn bereits vor Ausbruch des russischen Angriffskriegs nach Saarbr&uuml;cken eingeladen.</p>
© Thorsten Mohr

Prof. Roman Petrov von der Nationalen Universität Kiew-Mohyla Akademie in Kiew ist derzeit Gastprofessor an der Saar-Uni.

<p>Mit der Unabh&auml;ngigkeit der Ukraine im Jahr 1991 war der Weg frei f&uuml;r die Er&ouml;ffnung einer staatlichen Universit&auml;t in Kiew: der Kiew-Mohyla Akademie. &bdquo;Wir sind eine kleine, aber dynamische Universit&auml;t, die auf europ&auml;ischen Werten basiert &ndash; und dar&uuml;ber hinaus die &auml;lteste Universit&auml;t der Ukraine&ldquo;, stellt Professor Roman Petrov seine Heimat-Universit&auml;t vor. Bereits im Jahr 1615 als orthodoxe Einrichtung gegr&uuml;ndet, wurde sie 1817 in eine theologische Akademie umgewandelt. Diese wurde nach der Russischen Revolution 1918 geschlossen und von den Russen als Ausbildungsst&auml;tte f&uuml;r politische Marine-Kommissare genutzt &ndash; &bdquo;man muss sich das vorstellen, es war ein Campus voller Kirchen und Kl&ouml;ster&ldquo;, gibt Roman Petrov zu bedenken.&nbsp;</p> <p>Heute ist die Kiew-Mohyla Akademie die f&uuml;hrende Universit&auml;t in der Ukraine. &bdquo;Unser wichtigstes Ziel ist der Kampf gegen die Korruption, denn diese stellt die gr&ouml;&szlig;te Gefahr f&uuml;r h&ouml;here Bildung dar&ldquo;, sagt der Professor f&uuml;r EU-Recht. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs sind die ukrainischen Universit&auml;ten unmittelbaren, t&ouml;dlichen Gefahren ausgesetzt: &bdquo;Die Hochschulen im Osten des Landes sind zerst&ouml;rt. Viele Studenten unserer Universit&auml;t sind geflohen, und auch etliche Professoren, insbesondere Frauen, sind ins Ausland gegangen&ldquo;, berichtet Petrov. Er selber hatte Gl&uuml;ck im Ungl&uuml;ck: &bdquo;Ich wurde bereits vor einem Jahr von Professor Thomas Giegerich f&uuml;r die Gastprofessur an der Universit&auml;t des Saarlandes eingeladen, daher wusste ich, wohin ich gehen konnte, als der Krieg ausbrach.&ldquo; Seit Mai dieses Jahres ist er in Saarbr&uuml;cken. Bereits im M&auml;rz kam die Familie &ndash; seine Frau, zwei der Kinder und die Schwiegermutter &ndash; ins Saarland. &bdquo;Man hat uns hier herzlich willkommen gehei&szlig;en, und wir sind sehr dankbar f&uuml;r die Gastfreundschaft.&ldquo; &nbsp;</p> <p>
© Thorsten Mohr

Wir sind in einer sehr herausfordernden Situation, weil zum ersten Mal ein Land die Vollmitgliedschaft in der Europäischen Union anstrebt, das sich im Krieg befindet.

Prof. Roman Petrov
</p> <p>Von der Gastprofessur &bdquo;profitieren&ldquo; (sofern man diesen Ausdruck angesichts der schlimmen Situation &uuml;berhaupt verwenden will) k&ouml;nnen auch die Saarbr&uuml;cker Studentinnen und Studenten: Roman Petrov, der an vielen europ&auml;ischen Hochschulen geforscht hat und in Kiew seit 2010 einen Jean-Monnet-Lehrstuhl f&uuml;r EU-Recht innehat, stellt an der Saar-Universit&auml;t jene Fragen zum Diskurs, die derzeit &uuml;berall in Europa (und dar&uuml;ber hinaus) diskutiert werden: &bdquo;Quo Vadis Ukraine? Study of Ukraine&rsquo;s road to Europe&ldquo; hei&szlig;t eines seiner Seminare, ein anderes thematisiert die europ&auml;ischen Werte in den Post-Sowjetstaaten. Zudem h&auml;lt Petrov eine Vorlesung &uuml;ber die Rolle der Europ&auml;ischen Union als globaler Akteur, in der er unter anderem auf die Themen EU und V&ouml;lkerrecht sowie bilaterale Abkommen zwischen der EU und Drittstaaten eingeht.</p> <p>&nbsp;&bdquo;Wir sind in einer sehr herausfordernden Situation, weil zum ersten Mal ein Land die Vollmitgliedschaft in der Europ&auml;ischen Union anstrebt, das sich im Krieg befindet&ldquo;, sagt Roman Petrov. Einerseits vertrete die Ukraine die europ&auml;ischen Werte und habe daher Unterst&uuml;tzung verdient. Andererseits scheine ein Land im Kriegszustand nicht imstande, die geforderten Voraussetzungen zu erf&uuml;llen. &bdquo;Wie also kann man beide Seiten zusammenf&uuml;hren, das hei&szlig;t, welches ist der beste Weg f&uuml;r den Beitritt der Ukraine?&ldquo;, fasst Petrov die entscheidende Frage zusammen.</p> <p>In seiner Forschung widmet sich der renommierte Experte nicht nur dem EU-Recht und dem Internationalen Recht, sondern untersucht auch das Rechtssystem in den &ouml;stlichen, russisch besetzten Separatistengebieten Luhansk und Donezk. &bdquo;Ich will herausarbeiten, wie Russland diese Gebiete benutzt, um den Krieg zu beeinflussen&ldquo;, erl&auml;utert der Rechtswissenschaftler.&nbsp;</p> <p>Was Nachbarschaft zwischen L&auml;ndern bedeuten kann, hat Roman Petrov im Saarland bereits voller Interesse studiert. &bdquo;Ich habe hier schon einiges gelernt &ndash; insbesondere haben mich die saarl&auml;ndischen Referenden im vergangenen Jahrhundert beeindruckt.&ldquo; Im &Uuml;brigen ist er von der N&auml;he des Saarlandes zu Frankreich, Luxemburg und auch zur Schweiz fasziniert: &bdquo;Das ist eine sehr interessante Region&ldquo;, lobt er.&nbsp;</p> <p>Und wie wird es in seiner Heimat weitergehen? &bdquo;Wir versuchen, uns zu &sbquo;erholen&lsquo; und unsere akademischen Aktivit&auml;ten fortzuf&uuml;hren &ndash; insbesondere &uuml;ber Online-Lehre in Deutschland, Polen sowie der Ukraine&ldquo;, erkl&auml;rt Petrov. Daf&uuml;r baut er gemeinsam mit anderen Universit&auml;ten in der Ukraine eine virtuelle ukrainische Universit&auml;t auf: mit Lehrangeboten in ukrainischer Sprache &ndash; sowie weiteren Sprachen &ndash; f&uuml;r Ukrainer &uuml;berall in der Welt. &nbsp;<br /> &nbsp;</p>
Text:Gerhild Sieber
Gerhild Sieber
04.07.2022
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Die Europa-Gastprofessur

Die Europa-Gastprofessur


Prof. Dr. Roman Petrov aus Kiew (Ukraine) ist Professor der Rechtswissenschaften an der Nationalen Universität Kiew-Mohyla Akademie. Seit 2010 hat er dort einen Jean-Monnet-Lehrstuhl für EU-Recht inne und ist Leiter des Jean-Monnet-Exzellenzzentrums für EU-Studien in Kiew.

Nach seiner Promotion in London war er Max-Weber-Stipendiat am Europäischen Hochschulinstitut in Italien und erhielt Forschungsstipendien unter anderem in Heidelberg, Oxford, Gent und Uppsala.

Die Europa-Gastprofessur besteht an der Universität des Saarlandes seit 2008 und gibt dem europäischen Selbstverständnis der Universität ein Gesicht. Sie steht für Offenheit und internationalen Austausch, aber auch für das Bekenntnis zum Forschungsgegenstand Europa. Im Rahmen der Europa-Gastprofessur sind einmal im Jahr auf Einladung des Clusters für Europaforschung (CEUS) international renommierte Europaforscherinnen und -forscher in Saarbrücken zu Gast.

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